Estland und Lettland: Nationale Bewegungen im 19. Jahrhundert

Estland und Lettland: Nationale Bewegungen im 19. Jahrhundert
 
Diese letztlich unangefochtene Stellung der Finnen im Verhältnis zu angrenzenden Nachbarn konnten die Bewohner der baltischen Provinzen Estland, Livland und Kurland — die Bezeichnung Baltikum sollte sich erst nach dem Ersten Weltkrieg auf die neu gegründeten Staaten Estland und Lettland und im weiteren Sinne auch auf Litauen erstrecken — im Verlauf des 18. und 19. Jahrhunderts nicht erringen. Die ursprüngliche Zugehörigkeit zum schwedischen Reich, das Estland und Livland jedoch nur als östliche Provinzen betrachtet hatte, endete bereits im Großen Nordischen Krieg zwischen 1700 und 1710 und endgültig mit dem Frieden von Nystad 1721. Pest und Krieg hatten damals in Stadt und Land zwischen Riga und Reval schlimmer gewütet als die verschiedenen Heere in Mitteleuropa in der Zeit des Dreißigjährigen Kriegs. Als die beiden Städte und die estländische sowie die livländische Ritterschaft völlig am Ende waren, sich von Schweden lösten und am 28. Oktober 1710 in den »Kapitulationen« den russischen Kaiser Peter den Großen auch als politischen Herrscher anerkennen mussten, stand kein Stein mehr auf dem anderen. Das ganze 18. Jahrhundert unter russischer Herrschaft diente dann vornehmlich dem Versuch, das wüste Land wieder aufzubauen, wobei die deutsche Oberschicht die estnische und lettische Bevölkerung in immer größere Abhängigkeit drückte. Erst am Ende des 18. Jahrhunderts entwickelte sich in Stadt und Land eine Tendenz zu ökonomischer Modernität im Zeichen eines europaweiten Warenhandels und der kommerzialisierten Landwirtschaft. Katharina II. von Russland legte seit ihrem Livlandbesuch im Jahr 1762 den Ritterschaften eine Reformpolitik nahe, die auf Verbesserung der Produktivität und damit der staatlichen Einkünfte durch Steuern abzielte. In den »deutschen Ostseeprovinzen Russlands« wurde die Landbevölkerung erst in den Jahren 1816 bis 1819 für persönlich frei erklärt. Die Entlassung aus der Leibeigenschaft bedeutete jedoch noch nicht, dass die »Dienste« auf den Rittergütern aufgegeben wurden. Vielmehr dauerte die drückende Erb- und Arbeitspacht in den Ostseeprovinzen noch bis zum Jahr 1856 in Estland, bis 1860 in Livland und bis 1863 in Kurland. Danach wurde allerdings der Weg von der Arbeitspacht zur Geldpacht und zum Bauernlandverkauf mit großem Nachdruck eingeschlagen. Am Ende des 19. Jahrhunderts waren selbstständige estnische und lettische Bauern auf eigenen Höfen durchaus in der Lage, dem deutschen Großgrundbesitz Konkurrenz zu machen. Die große Zahl der Esten und Letten blieb allerdings landlos und wanderte im Zuge von Industrialisierung und Urbanisierung in die umliegenden großen Städte.
 
Bis in die 1860er-Jahre wurde die Vorherrschaft der deutschen Oberschicht in den Ostseeprovinzen Russlands von Regierungsvertretern und der Öffentlichkeit in Moskau und Sankt Petersburg im Allgemeinen anerkannt. Allerdings griffen russische Regierungsstellen und die Generalgouverneure in Riga sowie die Provinzgouverneure in Reval, Riga und Mitau fortgesetzt in die ritterschaftliche Reformgesetzgebung ein und suchten sie zu beschleunigen. In den Vierzigerjahren gelang es der russisch-orthodoxen Eparchie in Riga, durch Landversprechungen etwa 106000 Esten und Letten zum Übertritt vom lutherischen zum »rechtmäßigen« Glauben zu bewegen. Von einer planmäßigen Russifizierung der Ostseeprovinzen, die von der deutschen Oberschicht ständig befürchtet wurde, kann jedoch bis in die späten 1880er-Jahre keine Rede sein.
 
 Anfänge der nationalen Bewegungen
 
Um die Mitte des 19. Jahrhunderts gehörte der baltische Raum zu den wenigen Gegenden in Europa, in denen sich trotz einer überwiegend agrarischen Bevölkerung die Bevölkerungskurve erheblich abflachte, eine Generation früher als in den angrenzenden Gebieten. Die Gründe liegen in einer starken Differenzierung der Landbevölkerung und im späten Heiraten. Nach dem Übergang zur Geldpacht und zum Bauernlandverkauf um 1870 bildete sich eine kleine Schicht von Kleingrundbesitzern heraus, der eine große Zahl von Landlosen gegenüberstand, die oft keine Familien gründen konnten und, wie in anderen Teilen Europas auch, zur Auswanderung gezwungen waren. Nach der allrussischen Volkszählung von 1897 erklärten sich im estnischen Siedlungsgebiet 90,6 Prozent der Einwohner als Esten, 3,9 Prozent als Russen und nur 3,5 Prozent als Deutsche. Zur gleichen Zeit wurden in Südlivland, Lettgallen und Kurland 1929387 Einwohner gezählt, von denen die Letten nur 68 Prozent ausmachten. Unter den Minderheiten dominierten kulturell die Deutschen; seit 1845 waren Juden in Riga legal ansässig. Es ist für den baltischen Raum charakteristisch, dass es trotz insgesamt dünner Besiedlung keinen erheblichen russischen Zuzug gab. Vielmehr wurden die Städte der Bevölkerungszahl nach immer »estnischer« bzw. »lettischer«. Riga verfünffachte seine Bevölkerung zwischen 1870 und 1913 von etwa 110000 auf 550000 Einwohner. Zunächst waren Deutsche und Letten in Riga etwa gleich stark, um 1913 stellten die Letten hingegen fast doppelt so viele Einwohner.
 
Angesichts der Konzentration von Letten in Riga sowie von Esten in Reval und Dorpat entwickelten sich in den Ostseeprovinzen die nationalen Bewegungen der Letten und Esten seit den 1860er-Jahren in Vereinen und mit eigenen Zeitungen. Die Estnische Nationale Bewegung stützte sich agitatorisch im Wesentlichen auf drei gemäßigte Anliegen: Sie warb um die Unterstützung der »Alexanderschulbewegung« mit dem Ziel, in Dorpat ein estnisches Gymnasium zu schaffen. Dafür wurde viel Geld gesammelt, ohne dass das Ziel erreicht werden konnte. Außerdem wurde das estnische Vereinswesen im ganzen Land ausgebaut. An ihrer Spitze standen Vereinigungen estnischer Intellektueller in Dorpat und Reval. Überragende Bedeutung gewann schließlich die Sängerbewegung. In der Hauptstadt Livlands, Riga, stand hingegen ein lettisches Abgrenzungsprogramm gegenüber der deutschen Oberschicht im Mittelpunkt der Aktivitäten des Lettischen Vereins, gegründet 1868. Beide nationale Bewegungen erlebten um 1880 einen deutlichen Aufschwung, als die russische Reichsregierung in verschiedenen Regionen Russlands »Senatorenrevisionen« durchführen ließ, um sich ein Bild von der lokalen Selbstverwaltung zu machen. In Überschätzung ihrer Möglichkeiten hatten die Ritterschaften Livlands und Kurlands sogar um eine solche Revision gebeten und mussten 1882/83 erleben, dass der russische Senator Nikolaj Awksentjewitsch Manasein eng mit den estnischen und lettischen Vereinen zusammenarbeitete. Er nahm Zehntausende von Petitionen entgegen, die sich die regionale Entmachtung der Ritterschaften zum Ziel setzten. Die nationalen Esten und Letten kämpften zumindest um politische Gleichberechtigung mit den Deutschen. Am radikalsten war die Forderung, die Provinz Livland aufzuheben und stattdessen eine Grenzlinie zwischen dem estnischen und lettischen Siedlungsgebiet zu ziehen. Die Aufhebung der Provinz Livland durch eine derartige Grenzziehung hätte die sofortige Entmachtung des ritterschaftlichen Landtags zur Folge gehabt. Die Forderung wurde schließlich unter dem Eindruck des Ersten Weltkriegs im Jahr 1917 eingelöst. Damals entstanden, jedenfalls auf dem Papier, die Einheiten Estland und Lettland, die die Grundlage für die Staatsgründungen von 1918/19 bildeten.
 
 Russifizierungsversuche
 
Im Zuge der deutschen Reichsgründung von 1870/71 wurde der russischen Öffentlichkeit immer bewusster, dass in den westlichen Randgebieten des Reichs, insbesondere im russischen Teilungsgebiet Polens um Warschau, in den litauischen Gouvernements und in den Ostseeprovinzen Russlands, nicht Russen, sondern Polen und Deutsche politisch und kulturell dominierten. Mit dem Regierungsantritt Kaiser Alexanders III. im Jahr 1881 kam die Partei reaktionärer russischer Nationalisten an die Macht, die 1888/89 Justiz und Verwaltung in den Ostseeprovinzen trennten und zu russifizieren suchten. Vor Gericht durfte nunmehr nur auf Russisch verhandelt werden. Deutsche Richter und Anwälte, die des Russischen nicht mächtig waren, verloren ihre Ämter und wurden durch Russen ersetzt, die wiederum das deutsche Recht nicht verstanden, das sie anwenden mussten. Sehr zum Kummer der nationalen Bewegungen wurde das gesamte Schulwesen in den Ostseeprovinzen seit 1887 russifiziert. Aller Unterricht musste mit Ausnahme des Fachs Religion auf Russisch erteilt werden. Estnisch und Lettisch wurden als Mundarten bezeichnet. Zahlreiche deutsche Lehrer verloren ihre Stellung und wanderten häufig hasserfüllt nach Deutschland aus. Ein Höhepunkt der Angleichungswelle wurde erreicht, als die deutsch geprägte Universität Dorpat in Jurjew umbenannt und ebenfalls russifiziert wurde. Broschüren über das Unrecht, das im Namen eines russischen Nationalismus den baltischen Provinzen, zunehmend auch Finnland, angetan wurde, überschwemmte den deutschen Zeitungsmarkt zwischen 1890 und 1914. In der Kriegszieldiskussion des Ersten Weltkriegs hat diese »Baltikum-Publizistik« dann reife Früchte getragen.
 
Aus fiskalischen Gründen ließ die Russische Reichsregierung den deutschen Großgrundbesitz unangetastet. Die Ritterschaften hatten das flache Land aus Sankt Petersburger Sicht kostengünstig verwaltet und durch Selbstbesteuerung Krankenhäuser und Schulen finanziert. Es wurde übersehen, dass angesichts der Gegensätze von Arm und Reich gerade unter der Landbevölkerung ein revolutionäres Potenzial heranreifte, das sich mit der zahlenmäßig angewachsenen städtischen Arbeiterschaft im Krisenjahr 1905 zusammenfand und eine enorme revolutionäre Kraft entwickelte. Nirgendwo ist die revolutionäre Bewegung der Jahre 1905 und 1906 so stark gewesen wie im lettischen Siedlungsgebiet. Auf dem flachen Land in Südlivland und Kurland konnten sich zwischen Oktober und Dezember 1905 weder russisches Militär noch deutsche Bewohner halten. Etwa 80 Deutsche wurden ermordet. Die Rache der russischen Strafexpeditionen im Jahr 1906 war furchtbar. Tausende von Letten, weniger Esten, mussten emigrieren, wurden ausgebürgert oder verprügelt, nach Sibirien verbannt oder standrechtlich erschossen. Die Beziehungen zwischen Deutschen und Letten waren auf Jahre vergiftet, zumal als Rache für etwa 180 niedergebrannte Gutshäuser in den Ostseeprovinzen Hunderte von Bauernhäusern durch russisches Militär zerstört wurden. Zwischen 1906 und 1914 schienen die Spannungen unter den ethnischen Gruppen nachzulassen. Der Besuch des russischen Kaisers in Riga 1910 aus Anlass der 200-jährigen Zugehörigkeit Livlands zu Russland schien zu bestätigen, dass alle Irritationen zwischen Sankt Petersburg und den baltischen Provinzen behoben seien. Da brach im August 1914 der Erste Weltkrieg aus. Das lange besprochene »slawisch-germanische Duell« wurde für Esten, Letten, Deutsche, Russen, Finnen und Schweden gleichermaßen zu einer furchtbaren Erfahrung. Als unter dem Eindruck von Krieg, Hunger und Revolution 1917 die lettischen Soldaten überwiegend bolschewistisch wurden, lebte der wechselseitige Terror von 1905 nochmals verstärkt auf. Gerade in Lettland fand das Mehrheitsvolk der Letten auch nach dem Ende der Kämpfe um die Unabhängigkeit, an denen sich schließlich auch die Deutschbalten gegen die Bolschewiki beteiligt hatten, überwiegend keine positive Einstellung zur ehemaligen deutschen Oberschicht, die nunmehr zur nationalen Minderheit geworden war. In Estland hingegen kam es zwar auch zu radikalen gesetzlichen Enteignungen im Rahmen einer Agrarreform im Jahr 1919, doch konnte gleichzeitig ein friedliches Zusammenleben beginnen. Die Existenz der Minderheiten war und blieb in Estland stabiler als in Lettland.
 
Dr. Gert von Pistohlkors
 
Weiterführende Erläuterungen finden Sie auch unter:
 
Baltikum: Kurze Unabhängigkeit der baltischen Staaten
 
 
Rauch, Georg von: Geschichte der baltischen Staaten. München 31990.
 Schmidt, Alexander: Geschichte des Baltikums. Von den alten Göttern bis zur Gegenwart. München u. a. 21993.

Universal-Lexikon. 2012.

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